Michael Lenz: Der Film ‚Der Club der toten Dichter’ im UFP-Unterricht (Fortsetzung III)

‘Der Club der toten Dichter’ aus pädagogischer Sicht (3)

Traditionelle Eröffnungsbotschaft des

‚Clubs der toten Dichter’

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben,

intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen,

um alles auszurotten, was nicht Leben war,

damit ich nicht in der Todesstunde innewürde,

daß ich gar nicht gelebt hatte.

Henry David Thoreau     (gekürzt, aus: ‚Excerpt from Walden’)

 In diesem Abschnitt soll der Film ‚Der Club der toten Dichter’ aus pädagogischem Blickwinkel inhaltlich analysiert werden. Dazu werden vier inhaltliche Themen herausgegriffen und in den folgenden vier Abschnitten exemplarisch betrachtet. Abschließend liefert Abschnitt 3.5 ein kurzes Zwischenfazit, in dem die inhaltlichen Themen unter dem Aspekt der pädagogischen Verantwortung zusammengeführt werden.

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Der Lehrer im Spannungsfeld zwischen Institution, Schülern und Eltern
oder: Die Frage nach der ‚Schuld’ an Neils Selbstmord (3.1)

In diesem Abschnitt sollen zwei zentrale Fragen eingehend behandelt werden: Zum einen: Wie ist es zu Neils Selbstmord gekommen und welche Faktoren können diesbezüglich identifiziert werden? Zum zweiten: Wer trägt letztendlich die Verantwortung für Neils Selbstmord?

Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst das Spannungsfeld, in dem Neil sich befindet, genau betrachtet werden: Dieses wird zum einen durch seine Liebe zum Theater (in bezug auf seine eigenen Wünsche) sowie durch das Anstreben eines sehr guten Schulabschlusses und anschließendes Medizinstudium (in bezug auf die Wünsche seines Vaters) charakterisiert. Diese beiden unterschiedlichen Wünsche sind miteinander nicht vereinbar und haben somit ein grundsätzliches Dilemma für Neil zur Folge, da dieser die Situation nicht entschärfen kann, indem er beispielsweise seine Gefühle vor seinem autoritären Vater zum Ausdruck bringt. Der Handlungsverlauf, durch den Neil in diese Zwickmühle gerät, ist folgendermaßen charakterisiert: Sowohl Neil als auch sein Vater sind autoritär erzogen worden. Neil gibt seinem Vater in allen Konfliktsituationen nach und versucht, seine Enttäuschungen innerlich zu verarbeiten. Mit dem Auftreten von Keating und der schrittweisen Internalisierung dessen romantischer Lebensphilosophie entsteht für Neil ein zunehmendes Spannungsverhältnis zwischen der augenblicklichen Situation und seinen eigenen Wünschen. Diese Situation wird durch folgende Schritte verschärft: Zunächst fälscht Neil eine Erlaubniserklärung seines Vaters, um die Rolle des ‚Puck’ überhaupt zu bekommen. Als sein Vater erfährt, daß Neil mit dem Theaterspielen begonnen hat, verbietet er Neil dasselbe in drastischer Weise. Neil nimmt trotzdem weiter an den Proben Teil. Mit der herannahenden Premierevorstellung rückt der Konflikt mit seinem Vater immer näher, bis er schließlich unausweichlich wird. Einen Abend vor der Theaterpremiere sucht Neil daher Rat bei Keating. Der Dialog zwischen beiden wird im folgenden näher analysiert:  

Text 1
Keating: (in seinem Arbeitszimmer) „Was gibt`s?“
Neil: „Ich habe eben mit meinem Vater gesprochen. Er hat mir das Theaterspielen untersagt. ... Aber das Theater bedeutet mir alles! ... Ich mein` ... aber er ... er weiß es nicht. Na ja, ich kann seinen Standpunkt gut verstehen. Wir sind nicht so reich wie Charlies Eltern, aber mein Vater ... verplant mein ganzes Leben und ich ... Er ... er hat mich nie gefragt, was ich will!“
Keating: „Haben Sie das Ihrem Vater auch so gesagt wie mir? Ich meine, was Ihre Leidenschaft für`s Theater betrifft. Haben Sie ihm das klargemacht?“
Neil: „Ich kann`s nicht!“
Keating: „Warum nicht?“
Neil: „Weil ich so mit ihm nicht sprechen kann!“
Keating: „Dann spielen Sie ihm was vor! Sie spielen vor ihm die Rolle des gehorsamen Sohnes. Ich weiß, das klingt unmöglich, aber Sie müssen mit ihm reden! Sie müssen ihm zeigen, wer Sie sind und woran Ihr Herz hängt.“
Neil: „Ich weiß, was er sagt. Die Schauspielerei ist`ne vorübergehende Laune, die ich vergessen soll.“ (den Tränen nahe) „Sie rechnen mit mir. Zu meinem eigenen Besten soll ich`s mir aus dem Kopf schlagen.“
Keating: „Neil, Sie sind doch kein Leibeigener Ihrer Eltern! Und daß es keine Laune ist, können Sie Ihrem Vater beweisen, indem Sie ihn überzeugen und begeistern! Machen Sie`s ihm klar! Und wenn er`s dann immer noch nicht glauben will – nun ja -, bis dahin sind Sie mit der Schule fertig und können tun, was Sie wollen!“
Neil: (schluchzt) „Und was wird aus dem Stück? Morgen abend ist Premiere!“
Keating: „Dann werden Sie vorher noch mit ihm reden müssen!“
Neil: (weint) „Äh ... Gibt es keinen leichteren Weg?“
Keating: „Nein!“
Neil: „Ich sitz` in der Falle!“
Keating:  „Nein, bestimmt nicht!“
Keating: (am folgenden Tag nach der Unterrichtsstunde) „Haben Sie Ihren Vater gesprochen?“
Neil: (freudig) „Ja ... gefallen hat`s ihm nicht, aber wenigstens läßt er mich mitspielen. Er ... er wird zwar nicht kommen können, denn er ist in Chicago, aber ich denke, er läßt mich weiterspielen!“
Keating: „Wirklich? ... Haben Sie ihm dasselbe wie mir gesagt?“
Neil: (lächelnd) „Ja! ... Glücklich war er zwar nicht, aber er ist für wenigstens vier Tage weg.“ (flüstert) „Ich glaube nicht, daß er sich die Aufführung ansieht, aber ... er läßt mich sicher weitermachen. ... Die Schule hat Vorrang!“ (den Tränen nah) „Danke!“ (geht hinaus; Keating bleibt nachdenklich zurück)

Im Gegensatz zu seinem Vater kann Neil Keating seine Gefühle mitteilen. Keating analysiert und durchschaut das Verhalten von Neil und seinem Vater („Dann spielen sie ihm was vor! Sie spielen vor ihm die Rolle des gehorsamen Sohnes.“). Keating versucht, Neil Hoffnung zu machen („Nun ja, bis dahin sind Sie mit der Schule fertig.“), verdeutlicht ihm jedoch, daß er das Gespräch mit seinen Eltern suchen muß (vgl. Text 1).

Im zweiten Teil des unter Text 1 wiedergegebenen Gesprächs belügt Neil seinen Lehrer Keating am darauffolgenden Tag, indem er ihm erklärt, er habe mit seinem Vater gesprochen und dieser ließe ihn weiterspielen. Keating ahnt diese Lüge zumindest, was daran deutlich wird, daß der mit ungläubigem Tonfall ein „Wirklich?“ murmelt; er geht jedoch im Gespräch nicht weiter auf diese vermeintliche Lüge ein. In der nachträglichen Beurteilung von Keatings Lehrerverhalten kann ihm an dieser Stelle ein grober Fehler nachgewiesen werden. Hätte Keating an dieser Stelle interveniert, wäre die Katastrophe und somit Neils Selbstmord unter Umständen vermeidbar gewesen.

Zur Klärung der Frage nach der pädagogischen Verantwortung an Neils Tod sind daher zumindest folgende drei Faktoren zu berücksichtigen:

·        Die Selbsttötung war letztendlich Neils eigene Entscheidung auf Grund einer für ihn unerträglichen Situation. Seine Angst, auf eine Militärakademie geschickt zu werden, sowie die Enttäuschung über das schnelle Ende seiner Theaterkarriere führten bei Neil zu Panik und schließlich zur Kurzschlußhandlung der Selbsttötung.

·        Eine Teilschuld liegt in jedem Falle bei Neils Vater. Sein autoritäres Verhalten und der Druck, Neil auf eine Militärakademie zu schicken, sind der Auslöser für Neils Selbstmord.

·        Eine weitere Teilschuld liegt jedoch auch bei Keating, da Intervention von seiner Seite aus möglich gewesen wäre (s. o.). Zudem ist zu berücksichtigen: Wäre Keating nicht nach Welton gekommen, hätte Neil niemals die Chance erhalten bzw. wäre Neil niemals in die Situation geraten, dessen romantische Ideen zu verinnerlichen. Die sich daran anschließende Frage, ob sein ‚innerer Druck’ auf Grund des oben beschriebenen Spannungsverhältnisses dennoch irgendwann so groß geworden wäre, daß eine Katastrophe unvermeidbar geworden wäre, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden.

Abschließend sind zwei weiterführende Fragen kurz anzusprechen; zum einen: In welcher Art und Weise wird Keatings Lehrerrolle durch sein Verhalten in die dieser Situation charakterisiert? Keating befindet sich ebenfalls in einem Spannungsverhältnis: Er versucht, den Anforderungen der Institution Schule (Vermittlung von Unterrichtsinhalten), seinen Schülern (eigener Anspruch, diese zu individuellen Persönlichkeiten zu erziehen) sowie den Ansprüchen der Eltern (Erfüllung der Rahmenbedingungen von Schule, gute Noten, gute Abschlüsse) gerecht zu werden, konzentriert sich schwerpunktmäßig jedoch auf seine Schüler. Er versucht, diesen seine romantischen Lebens­ideale zu lehren, ohne zu berücksichtigen, daß dieselben in Konflikt mit den institutionellen Rahmenanforderungen geraten können.

Zum anderen ist zu fragen, ob die Weitergabe seiner romantischen Lebensideale seitens Keatings nur bei Neil in eine Katastrophe mündet? Wäre diese Frage zu bejahen, könnte der Selbstmord Neils als Einzelfall gewertet werden. Die Internalisierung von Keatings romantischen Lebensideale zeigt jedoch auch bei anderen Schülern katastrophale Auswirkungen, was sich beispielsweise daran zeigt, daß Charlie einen Schulverweis riskiert (eine eingehende Betrachtung dieses Problemzusammenhangs erfolgt in Abschnitt 3.4).

Die Diskussion dieser drei Faktoren sowie der Einfluß der Lebensphilosophie Keatings macht deutlich: Die Frage nach der Schuld an Neils Selbstmord kann nicht endgültig geklärt wären, liefert jedoch Anregungen und Ansatzpunkte für Diskussion - beispielsweise im UFP-Unterricht.

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Das Schüler-Lehrer-Verhältnis
oder: Balanceakt zwischen Nähe und Distanz (3.2)

Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die sich in ihrem Unterricht schwerpunktmäßig auf die Aufgabe des Unterrichtens als Vermittlung von Inhalten beschränken und somit die Anforderungen der Welton-Institution voll erfüllen, versucht der neue Englischlehrer John Keating den Schülern seine auf Romantik und dem Wahlspruch ‚Carpe diem!’ basierende Lebensphilosophie zu vermitteln. Aus heutiger Sicht und der Perspektive des deutschen Bildungswesens läßt sich Keating als Lehrer betrachten, der viele der Aufgabenbereiche abdeckt, die vom Deutschen Bildungsrat 1970 benannt wurden (vgl. Deutscher Bildungsrat 1970, S. 217 - 220). Keating versucht, seine Schüler zu Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung sowie Emanzipation zu erziehen, Neil bei seinen Problemen mit seinem Vater zu unterstützen (Beratungsfunktion) sowie beispielsweise im Gespräch mit dem Lehrer McAllister seine Ideen weiterzugeben (vgl. 3.4). Sein Repertoire an neuen innovativen Unterrichtsmethoden (Innovationsfunktion) scheint unerschöpflich (vgl. 3.3). In welcher Weise Keating in seinem Unterricht auch den Funktionen des Unterrichtens und Beurteilens nachkommt, läßt sich an dieser Stelle nicht weiter analysieren, da es im Film kaum eine Szene gibt, in der Keating Lerninhalte vermittelt oder Noten verteilt. Es läßt sich jedoch zusammenfassen, daß Keating die Anforderungen eines Lehrers nach den heutigen Maßstäbe erfüllt.

Die Erwartungen der Welton-Institution in den sechziger Jahren des amerikanischen Bildungswesens beschränken sich im Film jedoch auf die Vermittlung von Unterrichtsinhalten mit dem Ziel, die Schüler auf dem Besuch von Elite-Universitäten vorzubereiten. Es überrascht daher nicht, daß Keating sowie seine Schüler mit diesen institutionellen Erwartungen immer mehr in Konflikt geraten. Dieser Rollenkonflikt auf Seiten des Lehrers und der Schüler mündet zudem in problematische Situationen zwischen denselben: Da Keating besonders das Erziehen und Beraten in den Vordergrund stellt und zudem im Vergleich zu seinen Kollegen einen weniger autoritären Erziehungsstil benutzt, entwickelt sich zwischen Keating und seinen Schülern schnell ein Schüler-Lehrer-Verhältnis, das von Freundschaft und gegenseitiger Anerkennung bestimmt ist. Bei einigen Schülern, die Keatings Lebensphilosophie besonders stark internalisieren, wie beispielsweise die Mitglieder des ‚Clubs der toten Dichter’, führt dies schnell zu Bewunderung und Verehrung. Diese gipfelt in einer Szene, in der Keating beim Sportunterricht von einigen seiner Schüler auf Händen getragen wird. Im Film wird diese Szene mit Beethovens Musik ‚Ode an die Freude’ („Freude schöner Götterfunken „) untermalt.

Betrachtet man die Schüler-Lehrer-Beziehung unter dem Aspekt des pädagogischen Bezugs, läßt sich feststellen, daß Schüler-Lehrer-Beziehungen in einem Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz anzusiedeln sind. Problematisch sind in diesem Zusammenhang extreme Ausdrucksformen bezüglich dieses Spannungsfeldes, die besonders im ‚Club der toten Dichter’ auftauchen: Die Schüler-Lehrer-Beziehungen zwischen den Schülern und den Lehrern der Welton-Akademie (mit Ausnahme von Keating) sind durch große Distanz gekennzeichnet. Unterricht wird beschränkt auf Wissensvermittlung. Erziehung beschränkt sich auf Ermahnungen und Anweisungen. Die Beziehung zwischen Keating und seinen Schülern ist jedoch geprägt von gegenseitiger Achtung, Anerkennung und „Liebe“, somit von „extremer“ Nähe im Vergleich zu den übrigen Lehrern. Dies kommt besonders in der Szene zum Ausdruck, in der Keating Todd von seinen Selbstzweifeln befreit (diese Szene wird im folgenden Abschnitt 3.3 eingehend analysiert): Keating berührt Todd mehrmals an Hals und Nacken, hält ihm die Augen zu und dreht ihn im Kreis. Er fiebert regelrecht mit bei den kleinsten Lernschritten seiner Schüler. Unter filmanalytischer Perspektive wird jedoch auch die Grenze der Dokumentation dieser Schüler-Lehrer-Beziehung durch den Film deutlich, wenn man beispielsweise versucht,

„den Einfluss der Produktionsfirma Touchstone, einer Tochter des Disney-Konzerns, auf den Film deutlich zu machen: Es ist kein Zufall, dass der Film sich peinlich genau bemüht, jeden auch nur vagen Anschein einer homoerotischen Komponente im Verhältnis von John Keating zu seinen ihn anhimmelnden Schülern gar nicht erst aufkommen zu lassen“ (Schreckenberg 1997, S. 108).

Ungeachtet dessen, wie tiefgehend die Beziehung zwischen Schülern und Lehrer in diesem Zusammenhang wirklich ausfällt, bleibt aus pädagogischer Sicht herauszustellen, daß die Beziehung zwischen Keating und manchen seiner Schüler von derart extremer Nähe und Bewunderung geprägt ist, daß Konflikte vorprogrammiert werden: Die emotionale Nähe zwischen Keating und den Mitgliedern des ‚Clubs der toten Dichter’ führt zu unhinterfragter Internalisierung von Keatings Lebensphilosophie und somit zu den im vorigen Abschnitt dargestellten Folgen.

Desweiteren können Lehrer nicht einfach nur gute Freunde der Schüler sein. Spätestens bei der Notenvergabe hat der Lehrer eine objektive Betrachtungsposition einzunehmen, ungeachtet emotionaler Beziehungsaspekte. Die Vermeidung diesbezüglicher Problemkonstellationen zur Herstellung eines extrem emotionalisierten Schüler-Lehrer-Verhältnisses kann ein Grund dafür sein, daß Keating im Film niemals bei der Aufgabe des Beurteilens dargestellt wird.

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Keatings Unterrichtsmethoden
oder: Zwischen Erziehung zur Selbstverwirklichung und Manipulation
(3.3)

Bevor in diesem Abschnitt Keatings Unterrichtsmethoden analysiert werden, sollen diese zunächst kurz beschrieben werden:

Schon Keatings erster Auftritt vor der Klasse ist ungewöhnlich: Er lugt aus seinem Vorbereitungsraum hinaus (vgl. Abb. 31), bemerkt, daß die Jungen Platz genommen haben und schlendert durch die Reihen in Richtung Ausgang.

Abb. 31: Keating kurz vor seinem ersten Unterrichtsauftritt

Dabei pfeift er die ersten Töne aus Tschaikowskys 1812 Ouvertüre - ein Sinnbild für seine romantische Einstellung. Die Jungen folgen ihm in die Eingangshalle. Mit einem Wechselspiel zwischen Witz und tiefgründigen Bemerkungen fordert er sie auf, sich alte Jahrgangsphotos anzusehen und führt sie in seine Lebensphilosophie ein: „Carpe diem! Nutze den Tag! Macht etwas Außergewöhnliches aus Eurem Leben, da es vergänglich ist!“ In dieser wie auch in anderen Szenen, in denen Keating beispielsweise Shakespeare in der Tonlage und mit der Mimik von John Wayne rezitiert, wird deutlich: Keating sieht sich weniger als Lehrer, sondern eher als Akteur, Romantiker und Philosoph. Der englische Begriff ‚performer’ dürfte seiner Rollendarstellung am ehesten gerecht werden. Unterstützt wird diese Rolle durch die vortreffliche Ausgestaltung derselben durch Robin Williams, durch dessen schauspielerisches Talent die Person des Lehrers Keating sehr authentisch wirkt.

Keating scheint wenig von traditionellen Unterrichtsformen wie beispielsweise dem Frontalunterricht zu halten. Er verlegt den Schauplatz seiner Unterrichtsstunden immer wieder ins Freie, beispielsweise auf den Sportplatz oder in den Innenhof der Akademie.

Um seinen Schülern Konfliktfähigkeit beizubringen und um vor zu starker Wissenschaftsgläubigkeit zu warnen, läßt er sie ein Einleitungskapitel zur Beurteilung lyrischer Qualität mit Hilfe eines Koordinatensystems aus den Schulbüchern herausreißen, was von den Schülern zunächst zweifelnd, später unter Beifall und Gejohle aufgenommen wird.

Auf dem Innenhof läßt er die Schüler im Gleichschritt marschieren, um auf die Gefahr der Konformität aufmerksam zu machen. Diese Szene erinnert stark an Formen des militärischen Drills. Er läßt sie auf das Lehrerpult steigen, um ihnen zu zeigen, daß man die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und verdeutlicht somit den Wert der Perspektiverweiterung. Auf den Sportplatz läßt er sie zu klassischer Musik Verse aufsagen sowie Torschüsse ausführen und zeigt somit durch die Verbindung von Sport, Lyrik und Musik Möglichkeiten ganzheitlichen Unterrichts auf.

So pädagogisch wertvoll und interessant diese Methoden auch zunächst erscheinen mögen, erwecken einige dieser Szenen beim Zuschauer jedoch den Eindruck der Indoktrination und Manipulation, zumal Keating als Lehrer wenig in Zusammenarbeit mit den Schülern entwickelt, sondern versucht, seine Lebensphilosophie, die natürlich nicht kritisch von ihm hinterfragt wird, als Vorbild an seine Schüler weiterzugeben.

Es gibt eine Filmszene, die in diesem Zusammenhang besondere Beachtung verdient, da Keatings Unterrichtsmethoden in derselben eine extreme Form annehmen. Diese Szene wurde im folgenden transkribiert: 

Text 2
Keating: „Und nun, wer ist der nächste? Mr. Anderson!“ (Todd schaut verzweifelt hinauf zu Keating) „Sie scheinen in Agonie verfallen zu sein. Kommen Sie, Todd, treten Sie vor! Erlösen wir Sie von Ihrem Leid!“
Todd: (flüstert) „Es geht nicht. Ich hab’ kein Gedicht geschrieben.“
Keating:

„Mr. Anderson hält sich und sein gesamtes Innenleben für wertlos und beschämend. Hab’ ich recht, Todd? Das ist doch Ihre größte Angst! Sie irren sich, glaube ich. Ich glaube, in Ihnen schlummern eine Menge Werte.“

(schreibt an die Tafel) „Ich – höre – mein – barbarisches – YAWP – über den Dächern – der Welt – erschallen – W.W. (Walt Whitman, Anm. ML).“

„Schon wieder mal Onkel Walt. Nun, für alle, die es nicht wissen, ein YAWP ist ein sehr lauter Ruf oder Schrei. Also, Todd, demonstrieren Sie uns jetzt mal, wie das klingt, so ein barbarischer Yawp.“ (Gekicher aus der Klasse) „Kommen Sie, stehen Sie auf, im Sitzen geht das nicht! Na, kommen Sie. Hopp! Nehmen Sie Yawp-Stellung ein!“ (Gelächter)

 

Todd:

  „Ein ... ein Yawp?“

Abb. 32: Walt Whitman

Keating:

„Nein, nicht irgendein Yawp. Ein barbarischer YAWP!“

Todd:

  „O.K. ... Yawp.“

Keating:

„Na machen Sie schon! Lauter!“

Todd:

  „Yawp!“

Keating:

„Das war das Piepsen einer Maus! Na los, lauter!“

Todd:

  „YAWP.“

Keating:

(geht auf Todd zu) „Herrgott, Junge, schrei mich doch an!!!“
Todd: „YAWP!!!“
Keating: „Na also, es steckt also doch ein Barbar in Ihnen.“ (Todd will wieder zu seinem Platz gehen) „Nicht doch! So schnell entlass’ ich Sie nicht!“ (Keating hält Todd an der Schulter) „Dieses Photo von Onkel Walt da oben, an wen erinnert es Sie? Nicht denken, antworten!“
Todd: „An einen Verrückten, würd’ ich sagen.“
Keating: (umkreist Todd) „Was für einen Verrückten? Nicht denken, nur antworten!“
Todd: „An einen wahnsinnigen Verrückten.“
Keating: „Aaach! Das können Sie doch besser!“ (überschlägt sich fast im Reden) „Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf! Setzen Sie Ihre Phantasie ein! Sagen Sie das erstbeste, was Ihnen einfällt! Selbst wenn es Quatsch ist!“
Todd: „Es ist ein ... zahnschwitzender Verrückter!“
Keating: „Gütiger Himmel! In Ihnen steckt ja doch ein Poet!“ ... (flüsternd) „Schließen Sie die Augen! Schließen Sie die Augen! Zumachen!“ (hält Todd mit einer Hand die Augen zu und dreht sich mit ihm im Kreis) „Und jetzt, beschreiben Sie, was Sie sehen!“ 
Todd: „Ich hab’ meine Augen geschlossen. Sein ... sein Bild treibt auf mich zu.“
Keating: „Ein zahnschwitzender Verrückter, nicht?“
Todd: „Ein zahnschwitzender Verrückter, mit einem Blick, der mein Gehirn durchbrennt.“
Keating: „Oh, das ist gut! Hauchen Sie ihm Leben ein! Lassen Sie ihn was machen!“
Todd: „Seine Hände greifen und würgen mich.“
Keating: (hört auf, Todd zu drehen und hält ihn am Revers seines Blazers) „Ja, gut so! Fabelhaft! Fabelhaft!“
Todd: „Denn er murmelte irgendwas.“
Keating: „Was murmelt er?“
Todd:  „Er murmelt Wahrheit.“
Keating: „Jaaa!“
Todd: „Die Wahrheit ist wie ... wie ... wie eine Decke, bei der man immer kalte Füße bekommt.“ (Gelächter)
Keating: „Nicht d‘rum kümmern. Bleib’ bei der Decke. Erzähl’ mir was von der Decke!“
Todd: „Sie ... sie ... sie ist immer zu kurz, egal wie sehr man sie zieht ...“
Keating: „Weiter!“ (Keating kniet fasziniert vor Todd und verschränkt die Arme vor seiner Brust)
Todd: (selbstsicher) „Egal, was du tust, du kannst dich nie ganz mit ihr zudecken und vom Schrei bei der Geburt bis hin zu deinem Tod bedeckt sie nur dein Angesicht, so sehr du auch weinst und schreist in deiner Not.“ (Stille; Keating und Neil schauen begeistert zu Todd; Schüler applaudieren laut)
Keating: (berührt Todd erneut am Nacken) „Vergessen Sie das nicht!“

Keating versucht in dieser Szene, den schüchternen Todd Anderson von seinen Selbstzweifeln zu befreien. Durch die Aufforderung zu einem „barbarischen YAWP“ bringt er Todd zunächst dazu, Gefühle zu zeigen und herauszulassen, wählt dazu jedoch Methoden, die fast schon als „Psychoterror“ bezeichnet werden können. Anschließend erreicht er in kleinen Schritten, daß Todd seine Gedanken artikuliert und am Ende frei dichtet. Zur Vorgehensweise Keatings in dieser Situation ist zunächst anzumerken: In heutiger Sicht könnten einige der von Keating geäußerten Bemerkungen auf Schüler alles andere als selbstwertsteigernd, sondern  eher zynisch und kränkend wirken (z. B. „Erlösen wir Sie von Ihrem Leid.“/ „Mr. Anderson hält sich und sein gesamtes Innenleben für wertlos und beschämend.“), zumal Todd in dieser Szene vor der gesamten Klasse - wenn auch mit emanzipatorischer Absicht von seiten Keatings - bloßgestellt wird.

Abb. 33: Keating gratuliert Todd
zu seinem „Durchbruch“

Zum zweiten hält Keating in dieser Szene an mehreren Stellen keine angemessene Distanz mehr zu seinen Schülern ein (vgl. Abb. 33), besonders an der Stelle, an der er ihm die Augen zuhält und ihn im Kreis dreht (vgl. Abb. 13). Auch wenn dieses Lehrerverhalten dem Zweck dient, Todds Konzentration zu verstärken und ihn vor Ablenkung durch seine Klassenkameraden zu schützen, wird von Keating hier eine angemessene Schwelle zwischen Nähe und Distanz durchbrochen. Das Resultat am Ende der Szene ist sehenswert: Todd hat endlich den „Durchbruch“ geschafft, Keating zeigt tiefste Ergriffenheit (vgl. Abb. 34) und Neil ist fasziniert und freut sich für seinen Zimmergefährten Todd (vgl. Abb. 35).

Abb. 34: Keating ist zutiefst ergriffen
von Todds „Durchbruch“

Abb. 35: Neil ist fasziniert von Keatings
Erfolg in bezug auf Todd

Wie läßt sich diese Szene nun in das Bild von Keatings Unterrichtsmethoden einfügen und pädagogisch bewerten? Wenn auch der Erfolg Keating hier im Film Recht gibt, sollte dennoch bedacht werden, welche Konsequenzen sich für Todd ergeben hätten, wenn Keating an dieser Stelle gescheitert wäre: Todd wäre bloßgestellt worden (ohne „Happy End“) und seine Verzweiflung hätte sich wahrscheinlich deutlich verstärkt!

Es läßt sich somit herausstellen: Wie interessant und innovativ Keatings Unterrichtsmethoden auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, pädagogisch betrachtet können sie zumindest erhebliche Gefahren, wie die des Scheiterns, mit Konsequenzen wie Ausgrenzung und Vereinzelung für die Schüler mit sich bringen. Inwieweit diese Gefahren von Keating im Vorfeld mitbedacht wurden, wird verständlicherweise im Film nicht thematisiert: Es hätte dieser Szene ihre überraschende Wende und ihre emotionale Besetzung genommen.

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Lehrerselbstverständnis kontra Lehrplan
oder: Unterrichtsziele zwischen Realismus und Romantik
(3.4)

 

Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,

und ich ging den, der weniger betreten war,

und das veränderte mein Leben.

Robert Frost (gekürzt, aus: ‚The Road Less Travelled’)

Wie bereits oben erläutert, versucht Keating, den Schülern seine Lebensphilosophie näherzubringen. Diese ist geprägt von Romantik, Entscheidungsfreiheit und Emanzipation; Keating gerät durch sie jedoch zunehmend in Konflikt mit den Zielen und Erziehungsidealen des konservativen Welton-Internates. Die Unterschiede in den Auffassungen der einzelnen Lehrer wird beispielsweise im folgenden humorvollen Gespräch zwischen Keating (Romantiker) und dem er traditionell eingestellten Lateinlehrer McAllister (Realist) deutlich: 

Text 3
McAllister: „Das war ein sehr interessanter Unterricht, den Sie heute gegeben haben!“
Keating:  „Entschuldigung, wenn ich Sie schockiert habe.“
McAllister: „Oh, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es war überaus faszinierend, wenn auch etwas fehl am Platz.“
Keating: „Finden Sie?“
Mc Allister: „Ich finde es sehr riskant, diese Jungs zu ermutigen, Künstler zu werden, John, denn wenn sie feststellen, daß sie keine Rembrandts, Shakespeares oder Mozarts sind, werden sie Sie verachten.“
Keating: „Es geht nicht um Künstler, George. Wir reden über Freidenker.“
McAllister: (amüsiert) Hmhmhm! Siebzehnjährige Freidenker! Hmhmhm!“
Keating: „Komisch! Ich hätt’ Sie nicht für einen Zyniker gehalten!“
McAllister: „Das bin ich auch nicht! Ich bin Realist! ‚Zeig’ mir ein Herz, das frei ist von törichten Träumen, und ich zeig’ Dir einen zufriedenen Menschen.“
Keating: „Doch nur im Traum Du wirklich frei noch bist. So war es stets, und auch die Zukunft noch so ist!“
McAllister: „Tennessen?“
Keating: „Nein, Keating!“ (grinst und zwinkert mit einem Auge)
McAllister:  (lacht)

Bei einigen Schülern führt die Internalisierung Keatings emanzipatorischer Werte (romantische Komponente) in der erzkonservativen Welton-Akademie (realistische Komponente) zu katastrophalen Entwicklungen. Beispiele dafür sind Charlies Ausbruch in der Kapelle und letztendlich auch Neils Selbstmord. Charlies Ausbruch soll an dieser Stelle genauer analysiert werden: Charlie schreibt im Namen des ‚Clubs der toten Dichter‘ einen Artikel in der Schülerzeitung mit der Forderung, Mädchen in Welton aufzunehmen. Die Schulleitung dieser konservativen Schule sieht in Charlies Verhalten und Ideen jedoch keinen konstruktiven Beitrag zur koedukativen Debatte, sondern eine Provokation sondergleichen. Dies war Charlie natürlich im Vorfeld klar, aber anstatt sich ruhig zu verhalten, folgt er der Lebenseinstellung bzw. dem Motto ‚Carpe diem!’ und gibt sich zu erkennen, als Rektor Nolan in der Kapelle die Schuldigen bei einer Versammlung sucht:

 Text 4
Nolan: (hat die Schülerschaft in der Kapelle der Welton-Academy zusammengerufen) „Setzen! ... In der Wochenausgabe von Welton-Honors ist ein profaner und nicht-genehmigter Artikel erschienen. Um meine kostbare Zeit nicht unnötig mit der Suche nach den Schuldigen zu verschwenden – und Sie können sicher sein, daß ich sie finden werde -, bitte ich jeden Schüler, der etwas über diesen Artikel weiß, sich hier und jetzt zu melden. Ganz gleich, wer die Schuldigen sind, dies ist ihre einzige Chance, einen Verweis von der Schule zu vermeiden!“ (ein Telefon klingelt mehrmals)
Charlie: (zieht Telefon hervor und nimmt ab) „Welton-Academy, hallo? ... Ja, er ist da. Augenblick, bitte. ... Mr. Nolan, es ist für Sie! Es ist Gott! Wir sollen Mädchen aufnehmen bei uns!“ (Gelächter der Schüler)

Charlie wählt dabei eine dermaßen provokative Art mit dem Versuch, die Schulleitung bloßzustellen, daß er von Nolan als Konsequenz mit einem Holzbrett gezüchtigt wird. Nolan verweist Charlie nicht von der Schule, um dessen Märtyrerrolle nicht noch weiter zu bestätigen. Anschließend sucht Nolan das Gespräch mit Keating und versucht, diesem die Erziehungsziele der Institution zu verdeutlichen:

Text 5
Nolan: „Das hier ist mein erstes Klassenzimmer, John, wußten Sie das? ... Mein erster Schreibtisch.“
Keating: „Ich wußte gar nicht, daß Sie unterrichtet haben, Mr. Nolan.“
Nolan:  „Englisch ... lange vor Ihrer Zeit. ... Und es ist mir schwergefallen, aufzuhören. ... John, mir sind da Gerüchte zu Ohren gekommen über unorthodoxe Lehrmethoden in Ihrer Klasse! Ich will damit nicht sagen, daß diese Methoden irgendetwas mit Daltons Ausbruch zutun haben könnten. Ich glaube, ich muß Sie nicht davor warnen, daß Jungen in seinem Alter sehr leicht beeinflußbar sind!“
Keating: „Ich bin überzeugt, daß Ihre Rüge Spuren hinterlassen hat.“
Nolan: „Was war da übrigens neulich auf dem Schulhof los?“
Keating: „Auf dem Schulhof?“
Nolan: „Ja, die Jungs sind marschiert und haben dabei geklatscht.“
Keating: „Ach so, ich wollte mit dieser Übung etwas veranschaulichen: die Gefahr der Konformität.“
Nolan: „John, der Lehrplan steht fest! Er hat sich bewährt und ist effektiv. Wenn Sie ihn in Frage stellen, könnten die Jungs dasselbe tun.“
Keating: „Ich hab’ immer geglaubt, Erziehung hätte selbständiges Denken zum Ziel.“
Nolan: „Bei Jungen dieses Alters? Niemals! ... Tradition, John! Disziplin! ... Bereiten Sie sie auf`s College vor, dann wird sich alles andere auch einstellen.“

Nach diesem Gespräch antizipiert Keating ansatzweise die Gefahren, die bei konsequentem Ausleben seiner Erziehungsphilosophie entstehen können, und versucht, die Jungen im allgemeinen wie Charlie im besonderen darauf aufmerksam zu machen, nicht zuviel zu riskieren:

Text 6
Charlie: (berichtet den Mitgliedern des Clubs in einem Gemeinschaftsraum der Academy) „Quiiiek! ... Und dann pürschte er sich von links an mich `ran. ... Quiiiek! ...Quiiiek! ... Beugen Sie sich vornüber, Mr. Dalton! Das konnte bloß heißen ...“
Keating: (betritt den Raum; Schüler wollen sich erheben) „Schon gut, Gentleman!“
Charlie: „Mr. Keating!“
Keating: „Mr. Dalton, das war`ne miese Show, die sie heute abgezogen haben!“
Charlie: „Sie stehen auf Mr. Nolans Seite? Und was ist mit ‚Carpe diem’ und ‚Saugt das Mark des Lebens in Euch auf’?“
Keating: „Das Mark des Lebens in sich aufzusaugen heißt nicht, am Knochen zu ersticken!“ ... (flüsternd) „Mal muß man wagemutig sein und mal vorsichtig. Und wer klug ist, weiß, wann was angebracht ist.“
Charlie: „Ich dachte, Sie würden es gut finden!“
Keating: „Nein! Einen Schulverweis zu riskieren hat nichts mit Mut zu tun, sondern mit Dummheit. Sie würden sich nämlich viele Chancen verbauen!“
Charlie: „So! Welche denn?“
Keating: „Zum Beispiel die Chance, an meinem Unterricht teilnehmen zu können. ... Klar, Du Ass?“
Charlie: „Aye, aye, Captain!“
Keating: „Bewahren Sie sich`n klaren Kopf! Das gilt für die meisten von Ihnen!“
Alle: „Ja, Captain.“
Keating: (geht zur Tür) „Ein Anruf von Gott. ... ‚Empfänger bezahlt’, das wäre mutig gewesen!“ (Gelächter)

Dieses Gespräch (vgl. Text 6) zeigt jedoch, daß Keating es nicht lassen kann, im letzten Satz des Gesprächs wieder „seiner Linie treu zu bleiben“ („Empfänger bezahlt, das wäre mutig gewesen!“). Zudem wird deutlich, daß die Schüler nicht in der Lage sind, die von Keating erkannte und problematisierte Dichotomie zwischen Romantik und Realismus, ausgedrückt durch die Lebensphilosophie des ‚Carpe diem’ und die Realitätsanforderungen der Welton-Institution, zu erkennen bzw. aufzulösen („Sie stehen auf Mr. Nolans Seite? Und was ist mit ‚Carpe diem’ und ‚Saugt das Mark des Lebens in Euch auf’?“). Keating scheint an dieser Stelle diesen Zusammenhang zwar zu durchschauen („Das Mark des Lebens in sich aufzusaugen heißt nicht, am Knochen zu ersticken!“), erkennt jedoch nicht konsequent an, daß diese Dichotomie an sich unsinnig ist: Die Unterscheidung zwischen den extremen Polen Realismus und Romantik läßt sich nicht durch eine ‚Entweder-Oder-Strategie’ auflösen, da die Wahl eines Extrempols kontraproduktiv ausfällt. Der Ausweg, der in einer ‚Sowohl-Als-Auch-Strategie’ besteht, wird von Keating nur ansatzweise erkannt. Heilker analysiert genau diesen Zusammenhang und stellt die Untauglichkeit dichotomer Gegensätze wie beispielsweise gut - böse, männlich - weiblich, Romantik vs. Realismus, Individualismus vs. Kollektivismus, etc. heraus. Bezogen auf Keatings Lehrerrolle zieht Heilker folgende Schlüsse:

„The movie ‚Dead Poets Society’ offers a distilled and emblematic view of what can happen to teachers, students, and teaching when they are stuck in the Bi-Polar mindset. As I interpret it, all that Robin Williams’ character, Mr. Keating, can offer his students is the other side of binary oppositions of the dominant ideology in place. He is not able to lead them toward emacipation or some transformation of their lives, but rather only able to encourage them in their opposition to the dominant culture“ (Heilker 1991, S. 7).

Nach Heilker führt die Unfähigkeit zur Auflösung dieser dichotomen Gegensätze in die Katastrophe: Neil begeht Selbstmord, Keating wird entlassenen und die übrigen Schüler erfüllen erneut die konservativen Anforderungen der Institution. Das Thema ‚Lehrerselbstverständnis vs. Lehrplan’ löst sich an dieser Stelle in der Frage auf, auf welche Art und Weise die Tätigkeit des Lehrers Schülern bessere Wege aufzeigen kann, mit den Anforderungen, die ihnen im Leben gestellt werden, umzugehen. Heilker beantwortet diese Frage folgendermaßen:

„If we ever hope to get beyond the tragedy of a Dead-Poets-Society-kind of impotency and create social change with our teaching, then we must develop theories and pedagogies of inclusiveness, of ‚both-and-ness,’ to displace those of violent differentiation that now imprison both our students and ourselves. We need to offer our students construcs that bridge the gulf between the dominant ideologies in our world“ (ebd.).

Er stellt damit jedoch auch hohe Anforderungen an Selbst- und Rollenverständnis der Lehrer.

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Zwischenfazit:
Pädagogische Verantwortung als zentrales Thema im ‘Club der toten Dichter’ (3.5)

Mich die Liebe lehren?

Lehre Du Dich mehr Verstand;

in dem Fach bin ich Hauptdozent.

Der Liebesgott, falls es ihn gibt,

mag wohl von mir das Lieben lernen.

Abraham Cowley   (gekürzt, aus:‚The Prophet’)

Die Analyse thematischer Aspekte des Films ‚Der Club der toten Dichter’ in den Abschnitten dieses Kapitels zeigt die Vielschichtigkeit und den Reichtum unterschiedlicher Facetten, die unter pädagogischem Blickwinkel betrachten werden können. Dabei konnte an dieser Stelle nur eine kleine Auswahl der möglichen Themen in den Blick genommen werden. Der Film bietet viele weitere thematische Aspekte, beispielsweise mit Blick auf einen Einsatz in der Lehrerausbildung (z. B. Seminare in der Universität) oder die Thematisierung der ‚Schule als Lebens- und Erfahrungsraum vs. Prinzipienanstalt’ oder umgangssprachlich formuliert: „Erkennen und Leben kontra Pauken?“ (Fried 1992, S. 52). Im Kontext der Lehrerausbildung wäre auch eine noch tiefergehendere schulpädagogische Betrachtung (bspw. in bezug auf Keatings Unterrichtsmethoden) angebracht.

Da der Schwerpunkt dieser Hausarbeit jedoch darin liegt, Einsatzmöglichkeiten des Films im Rahmen des UFP-Unterrichts aufzuzeigen, erfolgte eine Beschränkung auf die oben analysierten Themenbereiche.

Unter methodischem Aspekt dominiert diese Analyse eine qualitative Vorgehensweise: Filmdialoge wurden in einem ersten Schritt so wortgetreu wie möglich transkribiert und im zweiten Schritt interpretiert sowie aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert (in Ansätzen somit eine hermeneutische Vorgehensweise).

Im Hinblick auf den UFP-Unterricht stand dabei die Frage nach der pädagogischen Verantwortung im Vordergrund. Pädagogische Verantwortung wurde dabei aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, die wie folgt systematisiert werden können:

·        Verantwortung des Lehrers vor seinen Schülern (vgl. 3.1, 3.2, 3.3)

·        Verantwortung des Lehrers vor den Eltern (vgl. 3.1)

·        Verantwortung des Lehrers vor dem Curriculum/ Lehrplan (vgl. 3.4)

·        Verantwortung des Lehrers vor seinen Kollegen (vgl. 3.4)

·        Verantwortung des Lehrers vor sich selbst (vgl. 3.1)

·        Verantwortung der Schüler vor sich selbst (vgl. 3.1, 3.3)

Im folgenden vierten Kapitel sollen diese thematischen Aspekte, die wie oben bereits angedeutet, im UFP-Unterricht - aber auch in anderen Fächern bspw. der Lehrerausbildung - besprochen werden können, herangezogen werden, um Anhaltspunkte für eine Unterrichtseinheit zum ‚Club der toten Dichter’ im UFP-Unterricht zu liefern.

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