Michael Lenz: Der Film ‚Der Club der toten Dichter’ im UFP-Unterricht (Fortsetzung II)
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Bevor im folgenden der Versuch einer kurzen Filmanalyse - oder eher „Filmbetrachtung“ - unternommen wird, sollen zunächst einige allgemeine Bemerkungen zu den Medien bezüglich des ‚Clubs der toten Dichter’ dieser Analyse vorangestellt werden: Der Film wird in dieser Hausarbeit aus folgendem Grund in seiner deutschen Synchronfassung für den Einsatz im UFP-Unterricht empfohlen: In der englischen Originalversion sind viele humorvolle Szenen für den deutschsprachigen Schüler schwerer zu verstehen als in der deutschen Synchronfassung des Films. Dies mag zum einen darauf zurückzuführen sein, daß man ohne englische Muttersprache ungenügend sensibilisiert ist für Nuancen im Sprachgebrauch, beispielsweise in den humorvollen bzw. satirischen Dialogen. Betrachtet man jedoch die Rolle des von Robin Williams gespielten Lehrers John Keating, läßt sich ein weiterer Faktor erahnen: Die gestisch und mimisch hervorragende Leistung von Robin Williams scheint durch die Sprechweise seines deutschen Synchronsprechers stark verfeinert zu werden, so daß einige Pointen erst richtig zur Wirkung kommen. Aus diesen Gründen sollte im UFP-Unterricht die deutsche Filmversion gezeigt werden, was nicht bedeutet, daß beispielsweise im Englischunterricht die Originalversion fehl am Platze wäre. Bei der Behandlung des Films mit Hilfe des Buches zum Film (Kleinbaum 1991) sollte Berücksichtigung finden, daß die Dialoge des Films nicht wortgetreu wiedergegeben werden, wodurch zum Teil die künstlerische Inszenierung des Themas in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Dies reicht von kleineren Verfälschungen wie dem Problem, Vokabeln ins Deutsche zu übersetzen („zahnschwitzender Verrückter“ im Film (vgl. 3.3) wird beispielsweise zu „Verrückter mit einem Kuchenzahn“), bis zu größeren inhaltlichen Abweichungen. Zum Beispiel wird erst im Buch deutlich, welchen Ursprung der Name ‚Club der toten Dichter’ besitzt. Keating erläutert dies im Buch zum Film wie folgt: „Der Name erinnerte nur daran, daß man erst Mitglied der Organisation werden konnte, wenn man tot war. [...] Die Lebenden waren nur Kandidaten. [...] Man mußte ein ganzes Leben lang Kandidat sein, bevor man die Vollmitgliedschaft erlangen konnte. Ja, leider bin ich auch erst ein ganz kleiner Kandidat!“ (Kleinbaum 1991, S. 48f). Zudem wurden im Buch zum Film die Gedichtauszüge des Films stark erweitert und im Wortlaut der Originalübersetzung angegeben. Der Unterschied zwischen der englischen Version des Buches zum Film und der deutschen Version desselben fällt dagegen kaum ins Gewicht. Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, den Film einer formalen Analyse zu unterziehen, wobei an dieser Stelle aufgrund der Komplexität einer Filmanalyse und dem begrenzten Rahmen dieser Hausarbeit nur Ansatzpunkte aufgezeigt werden können.
Schreckenberg arbeitet in seiner medienpädagogischen Betrachtung des Films ‚Der Club der toten Dichter’ drei filmische Subtexte heraus, die „eine wichtige dramaturgische Funktion erfüllen: Sie akzentuieren und verstärken in der Tiefenstruktur auf nonverbale, sinnliche Art und Weise das filmische Geschehen an der Oberfläche des ‚Textes’“ (Schreckenberg 1997, S. 106). Versteht man einen Film als ein „nach bestimmten Regeln und Codes strukturiertes Zeichensystem“ (ebd., S. 100), liegen besagte Subtexte unterhalb dieser bewußt wahrnehmbaren Ebene: Mit „Subtexten sind diejenigen Ebenen eines offenen Textes gemeint, die der Zuschauer in der Regel nicht bewußt wahrnimmt, die aber dennoch seine Rezeption steuern“ (ebd., S. 101). Filmische Subtexte werden dabei geplant und intentional vom Regisseur eingesetzt und „entfalten ihre Bedeutung über Lichtführung, Position der Kamera, räumliche Perspektive, Farbgebung, Geräusche, Musik etc.“ (ebd.). Sie unterstützen beispielsweise im ‚Club der toten Dichter’ die Mehrdimensionalität, Plastizität und Sinnlichkeit des Films (vgl. ebd.). Eine Filmbetrachtung, in deren Zentrum die filmischen Subtexte stehen, läßt sich mit einfachen Mitteln (Videorecorder mit Standbildfunktion) und ohne eingehendere Vorkenntnisse, die man beispielsweise für eine wissenschaftliche Filmanalyse benötigt, durchführen, wodurch sie gerade für den Einsatz in der Schule von besonderem Interesse ist.
Bezüglich des Films ‚Der Club der toten Dichter’ erweist sich die exemplarische Betrachtung der drei Subtexte ‚Licht‘, ‚Natur‘ und ‚Raum‘ als besonders lohnenswert (vgl. ebd., S. 102 - 106):
Den Effekt des Subtextes ‚Raum‘ zeigt eine genaue Betrachtung der im Film eingebundenen Räumlichkeiten, Orte und Szenerien. Der Film spielt vorrangig in den Räumlichkeiten der Welton-Akademie, die durch enge Flure, Gänge und kleine Zimmer gekennzeichnet sind.
„Diese räumliche Enge passt zur hierarchischen und autoritären Struktur der Welton Academy, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum jemandem Raum zur Entfaltung lässt“ (ebd., S. 105).
Ebenso wird die vertikale Wahrnehmungsachse vom Regisseur eingesetzt, um die dramaturgischen Effekte von Szenen zu verstärken, beispielsweise in den Szenen, in denen die Schüler auf ihre Pulte steigen.
Ein ähnlicher Unterstützungseffekt bezüglich des dramaturgischen Handlungsverlaufs läßt sich anhand der Subtexte ‚Licht‘ und ‚Natur‘ aufzeigen, wobei bezüglich beider Subtexte Änderungen im Verlauf des Films einsetzen. Als dramaturgischer Höhepunkt bzw. Wendepunkt läßt sich der Abend der Theaterpremiere identifizieren. In der folgenden Nacht begeht Neil aus Verzweiflung Selbstmord, wodurch die bis zu diesem Punkt eher harmonische Atmosphäre radikal in eine düstere und bedrohliche umschlägt. Bei der Betrachtung des Subtextes ‚Licht‘ läßt sich feststellen: Bis zu diesem Abend „herrscht warmes Licht vor, das die Strenge des Internatslebens mildert: Es ist ein Licht, das von Tischlampen und Stehlampen verbreitet wird“ (vgl. ebd., S. 102). Auch die Lichtverhältnisse in den Klassenzimmern sind nicht allein durch die künstliche Deckenbeleuchtung bestimmt, sondern werden durch das herbstliche Tageslicht ergänzt (vgl. Abb. 25). Bezüglich des Subtextes ‚Natur‘ dominieren bis zum Abend der Theaterpremiere die glühenden Farben des Herbstes (vgl. ebd., S. 104 sowie Abb. 26).
Der Wendepunkt im dramaturgischen Handlungsverlauf wird durch einen Wechsel bezüglich beider Subtexte stimmungsmäßig unterstützt: Am Abend der Theaterpremiere beginnt es zum ersten Mal zu schneien (Subtext ‚Natur‘), und am Morgen nach Neils Selbstmord bedeckt eine hohe Schneedecke das Land und verstärkt die düstere Atmosphäre (vgl. Abb. 27).
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Abb.
25: Keatings erster Auftritt in der |
Abb. 26: Welton
zu Filmbeginn im |
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Abb.
27: Wintereinbruch am Morgen |
Abb. 28:
Lichtverhältnisse im Klassen- |
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Abb.
29: Keating an Neils Pult und |
Abb. 30: Neil
trägt kurz vor seinem Selbst- |
Auch die Lichtverhältnisse in den Räumlichkeiten wurden geändert: Die Deckenbeleuchtung wurde nicht mehr eingesetzt, so daß das kalte bläuliche Winterlicht die Stimmung dominiert (vgl. Abb. 28), beispielsweise in der Szene, in der Keating im Klassenzimmer aufgrund von Neils Tod trauert (vgl. Abb. 29) bzw. in der Szene kurz vor Neils Selbstmord (vgl. Abb. 30).
Diese düstere Atmosphäre wird erst in der auftrumpfenden Schlußszene wieder durchbrochen, in der die wieder eingeschaltete Deckenbeleuchtung das dunkle Winterlicht erhellt (vgl. ebd., S. 104).
Abschließend läßt sich festhalten, daß, obwohl es im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich ist, eine vollständige Filmanalyse des ‚Clubs der toten Dichter’ durchzuführen, die Analyse filmischer Subtexte als medienpädagogische Filmbetrachtung (sozusagen an der Oberfläche einer Filmanalyse) durchaus eine - auch für den Schulunterricht - geeignete Methode liefert, das Verständnis für den Film und die formale Komposition seiner einzelnen Elemente (wie bspw. der Subtexte) zu vertiefen. Sowohl im Schulunterricht wie auch im Rahmen dieser Hausarbeit ist jedoch eine gezielte Auswahl und exemplarische Behandlung einzelner Subtexte sowie Schlüsselszenen unvermeidbar.
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Da ein detaillierter Einbezug sämtlicher Sekundärliteratur zum Film ‚Der Club der toten Dichter’ den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde, soll in diesem Abschnitt ein kurzer, systematischer Überblick über die pädagogische Fachliteratur zum Film gegeben werden: Neben den bereits im vorhergehenden Abschnitt vorgestellten Büchern zum Film (vgl. Kleinbaum 1989, 1991) sind eine Reihe von Aufsätzen in pädagogischen Fachzeitschriften sowie Fachzeitschriften anderer Disziplinen erschienen. Zu unterscheiden sind dabei Artikel, deren Intention zunächst auf der Zusammenfassung und Vorstellung der Inhalte des Films basiert (bspw. Thal 1990) und Artikeln, die exemplarisch einen oder mehrere inhaltliche Bereiche einer tiefergehenden Analyse unterziehen (bspw. Heilker 1991). Nach umfangreicher Literaturrecherche konnten 5 deutschsprachige, 4 englischsprachige Artikel oder Aufsätze sowie zwei englischsprachige Abhandlungen im Internet gefunden werden. Die genauen Quellenangaben sind im Literaturverzeichnis unter Punkt 6 aufgeführt.
Formale Aspekte des Films werden nur in der medienpädagogischen Filmbetrachtung von Schreckenberg (1997) berücksichtigt (vgl. 2.2). Die Filmbetrachtung von Thal (1990) liefert einen inhaltlichen Überblick und vergleicht den Film mit anderen Filmen zum Thema ‚Schule’. Auch Koch (1990) beginnt mit einem Vergleich bezüglich anderer ‚Schulfilme‘, schließt daran jedoch eine pädagogische Interpretation einiger inhaltlicher Grundthemen des Films an, wie beispielsweise die pädagogische Bewertung der Unterrichtsmethoden Keatings, die auch ein Thema dieser Hausarbeit bilden (vgl. 3.3).
Heilman (1991) arbeitet in seinem Aufsatz besonders die Lehrerpersönlichkeit Keatings heraus und setzt diese ‚Keatings‘ als spezielle Lehrertypen von anderen Lehrertypen ab. Die Filmbetrachtung von Glatthorn (1990) liefert eine Zusammenfassung inhaltlicher Aspekte und Grundthemen, bleibt jedoch bei der pädagogischen Interpretation an der Oberfläche, ohne einzelne thematische Aspekte zu vertiefen. Nimmt man an dieser Stelle den vertiefenden Artikel von Heilker (1991) hinzu, zeigen diese drei Aufsätze (Glatthorn 1990, Heilker 1991 und Heilman 1991), daß bei der Auseinandersetzung mit dem Film im anglo-amerikanischen Sprachraum besonders ein Thema im Zentrum des Interesses steht: die Frage nach dem ‚guten Lehrer‘, bzw. durch welche Qualifikationen Lehrer Verhaltens- und Einstellungsänderungen bei ihren Schülern bewirken können. Heilker (1991) kritisiert in diesem Zusammenhang besonders die Wirkung extremer Dichotomien (wie bspw. zwischen Realismus und Romantik) in den Einstellungen der Lehrer (vgl. 3.4).
An dieser Stelle soll auf einen weiteren englischsprachigen Internet-Artikel hingewiesen werden, der, wenn auch von einer Schülerin verfaßt, interessante Anhaltspunkte zur Interpretation des Films liefern kann (vgl. Baker, o. J.). Ein Auszug aus dieser provokativen Interpretation („Why do I dislike this movie?“) soll in Abschnitt 4.4.5 in die Unterrichtseinheit zum Film einfließen.
Die letzten drei Artikel bilden systematisch gesehen eine neue Gruppe, da sie unter anderem auf den Einsatz des Films im Unterricht eingehen: Fried (1992) gibt diesbezüglich nur einige Hinweise zum Einsatz des Films im Unterricht. Serey (1992) setzt sich eingehender mit Einsatzmöglichkeiten des Films im Unterricht auseinander, jedoch unter dem Aspekte der ‚management education’. Abschließend ist noch ein Materialbrief mit Bausteinen für den Religionsunterricht zu nennen (vgl. Bosold 1991), der eine komplette Unterrichtseinheit zum Film ‚Der Club der toten Dichter’ für die Klassen 9 und 10 vorstellt. Inhaltliche Schwerpunkte wurden bei dieser Unterrichtseinheit nach den Richtlinien des Faches Religion ausgewählt. Dennoch kann diese Unterrichtseinheit Anregungen für den Einsatz des Films in anderen Fächern bieten.
Abschließend läßt sich herausstellen: Sekundärliteratur zum Film ‚Der Club der toten Dichter’ existiert zwar, setzt sich aber inhaltlich entweder mit der pädagogischen Diskussion einiger thematischer Aspekte oder dem Einsatz des Films im Unterricht auseinander. Koppelungen beider Perspektiven sind nur in Ansätzen (vgl. Fried 1992) oder gar nicht vorhanden, ganz abgesehen von einem Zuschnitt auf das Unterrichtsfach Pädagogik in der gymnasialen Oberstufe. Der Versuch einer Kopplung von pädagogischer Interpretation der Filminhalte und dem Aufzeigen von Einsatzmöglichkeiten des Films im Pädagogikunterricht wurde daher zum Ziel dieser Hausarbeit gewählt.
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